In Polen ins Krankenhaus gehen

Inhaltsverzeichnis

  1. Wie funktioniert das Gesundheitssystem in Polen?
  2. Was bedeutet die medizinische Grundleistung in Polen?
  3. Ein Krankenhausaufenthalt in Polen ohne Auslandskrankenversicherung
  4. Ein Krankenhausaufenthalt in Polen mit Auslandskrankenversicherung

Eine in weiten Teilen eng verzahnte Geschichte verband Polen und Deutschland über einen langen Zeitraum, bis zuerst der Zweite Weltkrieg und danach der eiserne Vorhang die Länder für mehrere Jahrzehnte strikt voneinander trennte. Inzwischen gibt es zum Glück wieder mehr Verbindendes der beiden EU-Mitgliedsländer.

Jedes Jahr reisen Millionen Deutsche geschäftlich oder privat nach Polen, da das Land als direkter Nachbar im Osten sowohl touristisch als auch im Handel zahlreiche Möglichkeiten bietet. Bei so viel Reiseverkehr kann es nicht ausbleiben, dass vielleicht nach einem Unfall oder aufgrund einer plötzlichen Erkrankung ein Klinikaufenthalt in Polen notwendig ist.

Krankenhaus

Wie funktioniert das Gesundheitssystem in Polen?

Genau wie in Deutschland, besteht auch in Polen eine Pflichtkrankenversicherung für polnische Bürger und für Ausländer, die dauerhaft in Polen wohnen. Das staatliche Gesundheitssystem gliedert sich in das Ministerium für Gesundheit als oberste Behörde, welcher die Zentrale des nationalen Gesundheitsfonds (NFZ) direkt unterstellt ist. Von der NFZ ausgehend sind wiederum 16 Zweigstellen über das ganze Land verteilt, die für die regionalen Belange bezüglich Ärzten, Krankenhäusern und Apotheken zuständig sind.

Die NFZ ist das maßgebliche Organ in der Krankenversorgung in Polen. Das blaue Logo mit den drei weißen Buchstaben NFZ ist nicht nur an den Wänden von Krankenhäusern und Arztpraxen zu finden, sondern auch auf verschiedenen Formularen. Alle Kliniken und Krankenhäuser, die das NFZ-Logo führen, sind zugleich Vertragspartner der NFZ und unterliegen somit den Vorgaben des Ministeriums für Gesundheit.

Daneben gibt es auch einen privatwirtschaftlichen Gesundheitsbereich: von der privaten Krankenversicherung bis zur privaten Klinik. Diese agieren unabhängig von der NFZ, unterliegen aber auch den gesetzlichen Vorschriften Polens bezüglich der Behandlung von Patienten. Für private Krankenhäuser und Arztpraxen in Polen gilt zudem die Bestimmung, dass eine für alle Kunden sichtbar ausgehängte Liste geführt werden muss, in der die einzelnen Preise für erbrachte Leistungen aufgeführt sein müssen.

Als EU-Mitglied ist Polen zugleich Mitglied im Sozialversicherungsabkommen der EU-Länder. Das bedeutet, dass jeder Ausländer eines EU-Landes in Polen kostenlose medizinische Grundleistungen im selben Rahmen wie ein polnischer Bürger in Anspruch nehmen kann. Dazu wird nur die europäische Krankenversicherungskarte (EKVK) benötigt. In Notfällen wird natürlich immer medizinische Hilfe geleistet.

Krankenhaus Warschau

Was bedeutet die medizinische Grundleistung in Polen?

In der Realität offenbaren sich im polnischen staatlichen Gesundheitssystem gravierende Mängel. Zurückzuführen ist dies auf die sehr schlechte finanzielle Ausstattung. Der Anteil der Ausgaben für das Gesundheitssystem aus dem polnischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrug im Jahr 2018 nur 6,3 %. Im Vergleich dazu waren es in Deutschland im selben Zeitraum 11,2 %. Viele polnische Krankenhäuser sind nicht nur in Bezug auf Technik, Ausstattung und Bausubstanz an oder bereits unter die Grenzen der Leistungsfähigkeit gelangt.

Ein sehr großes Problem ist zugleich der Ärztemangel. Das führt unter anderem dazu, dass die Wartelisten für geplante Operationen extrem lang sind. Auf der anderen Seite beweist sich die polnische Notfallambulanz als eine der besten in Europa, wobei hier auch die Diskrepanz zwischen den Großstädten und dem ländlichen Raum in Polen überdeutlich wird. Die meisten Notfälle ergeben sich in den urbanen Zentren des Landes. Fast 62 % der polnischen Bevölkerung lebt in Städten. Dabei leben in Polen auf einem Quadratkilometer durchschnittlich nur 123 Menschen, in Deutschland sind es 237 Einwohner pro Quadratkilometer. Gerade im Osten Polens wirkt so manche Region wie ausgestorben und eine adäquate sowie schnelle Gesundheitsversorgung ist in vielen Teilen des Landes nicht mehr gegeben.

Der finanzielle Mangel führt aber auch dazu, das sich die medizinischen Grundleistungen in Krankenhäusern auf ein Minimum beschränken und ein Patient oder eine Patientin immer davon ausgehen muss, dass beträchtliche Zuzahlungen aus eigener Tasche geleistet werden müssen. Zwar sind medizinische Leistungen in Polen aufgrund des geringeren Lohnniveaus günstiger als in Deutschland, dafür jedoch ist die Grenze zwischen kostenlosen und zuzahlungspflichtigen Leistungen viel tiefer angesetzt. Es ist zwar möglich, dass diese Kosten unter Vorlage einer detaillierten Rechnung von den Deutschen Krankenkassen erstattet werden, jedoch nur im Rahmen des polnischen Leistungskatalogs.

Ein Krankenhausaufenthalt in Polen ohne Auslandskrankenversicherung

Ohne eine Auslandskrankenversicherung können private Kliniken in Polen nur in Anspruch genommen werden, wenn deren Leistungen direkt bar oder per Kreditkarte vom Patienten bezahlt werden. Sonst bleiben nur die NFZ-Vertragskrankenhäuser.

Üblicherweise wird für die Aufnahme in ein Krankenhaus die Überweisung durch einen Allgemeinmediziner benötigt. Ausgenommen davon sind Notfälle, die über die Ambulanz eingeliefert werden. In Polen ist der Rettungsdienst über die Rufnummern 999 oder 112 zu erreichen. Zugleich unterhalten die Krankenhäuser Notfallstationen, in die Patienten selbständig gehen können. Für die Behandlung in einem NFZ-Krankenhaus genügt die Vorlage der EKVK, darin eingeschlossen sind auch medizinisch notwendige Krankentransporte innerhalb Polens.

Die Ärzte sowie das weitere medizinische Personal der staatlichen Krankenhäuser in Polen arbeiten seit Jahren an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit und dies bei einem sehr mageren Lohn und einer mangelhaften Ausstattung. Wer als Reisender in ein staatliches polnisches Krankenhaus muss, sollte keine Vergleiche etwa zu deutschen Krankenhäusern anstellen. Dazu muss klar sein, dass die Kosten für eine Verlegung, eine Auslandsrückholung, aus einem polnischen Krankenhaus in eine deutsche Klinik über die EKVK nicht erstattet wird. 

Krankenhaus-Kosten

Ein Krankenhausaufenthalt in Polen mit Auslandskrankenversicherung

In den Großstädten Polens gibt es zahlreiche private Kliniken unterschiedlicher Fachrichtungen, die keiner Vertragsbindung mit der NFZ unterliegen. Wer als Reisender oder Reisende über eine Auslandskrankenversicherung verfügt, kann die weit umfangreicheren Leistungen der privaten Krankenhäuser in Anspruch nehmen. Deren Ausstattung lässt in der Regel keine Wünsche offen und auch am fachlichen Personal mangelt es dank guter Bezahlung nicht.

Allerdings ist auch in den meisten privaten Kliniken erst einmal Vorkasse angesagt. Nur wenige der Klinikbetreiber haben mit den Versicherungen Verträge abgeschlossen, die eine direkte Abrechnung erlaubt. Es kann sich lohnen, vor Abschluss der Versicherungspolice beim Versicherer nachzufragen, ob solche Vertragskliniken in Polen bestehen. Ebenso lohnenswert ist ein Blick auf den Leistungsumfang der Versicherung. Dazu sollte auf jeden Fall die bereits erwähnte Auslandsrückholung gehören.

Auch wenn sich der Krankenhausaufenthalt in Polen beispielsweise durch Einzelzimmer und Chefarzt-Behandlung als recht angenehm darstellt, so wird die fremde Sprache und das fehlende soziale Umfeld schnell den Wunsch verspüren lassen, in ein heimatnahes Krankenhaus in Deutschland verlegt zu werden. Beinhaltet die Auslandskrankenversicherung diese Option, so steht der Rückholung fast nichts im Wege.

Die Kostenübernahme durch den Versicherer kann scheitern, wenn dieser die Rückholung als medizinisch nicht notwendig erachtet, das heißt, wenn die medizinische Versorgung in Polen der in Deutschland gleichzusetzen ist. Dieser juristische Trick in den AGBs der Versicherer lässt sich nur umgehen, wenn in den AGBs von einer „medizinisch sinnvollen“ Rückholung gesprochen wird. Ein Blick auf die betreffende Stelle im Kleingedruckten der Police klärt darüber auf und hilft, den Unfall oder die Krankheit inmitten von Freunden und Verwandten auszukurieren.

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